Utilisierung – Nutzen was da ist

Beginnt man als Coach zu arbeiten, begibt man sich in einen neuen Kontext, der erweiterte Fähigkeiten hat oder zumindest braucht. Eine dieser Fähigkeiten ist das Bewusstsein für die Möglichkeiten, die jeder Mensch hat. Und die innere Sichtweise und Einstellung, dass diese Fähigkeiten geweckt werden können. Ein Teil dieser inneren Sicht ist uns prinzipiell schon angeboren und wird in der Wissenschaft als „theorie of mind[i]“ tituliert. In dieser wird besagt, dass jeder gesunde Mensch Annahmen über die Bewusstseinszustände anderer Menschen vornimmt und diese dann in seiner eigenen Erlebniswelt nachvollzieht. Es ist eine der Grundlagen dafür, dass Kommunikation funktionieren kann. Einen Haken hat dieses Denken allerdings. Beginnende Coaches geraten gerne in die Falle, den eigenen Überzeugungen zum Opfer zu werden. Und eben nicht die realen Muster und Überzeugungen und Realitäten des Klienten zu erkennen. Daher gibt es auch einen Wachstumsprozess für Coaches. In diesem ergeben sich oft ähnliche Erfahrungen, die immer wieder im Coaching stattfinden.

Phase 1: Noch viel zu oft gerät der Coach in eine Situation, in der er annimmt, auf dem richtigen Lösungsweg zu sein. Das Feedback mit dem Klienten zeigt, dass ein falscher Weg eingeschlagen wurde. Diese Erfahrung machen gerade Berater oft, die mit Fachwissen überzeugen wollen, aber nicht die komplexen Erfahrungen des Klienten in Ihre Überlegungen integrieren. Das Ergebnis sind durchaus interessante Gespräche, aber kaum Veränderung.

Phase 2: Der Coach hinterfragt mehr die Muster und Überzeugungen des Klienten, folgt den roten Fäden und geht dann auf Lösungssuche mit dem Klienten. Dies ist schon sehr nah dran, solange die meisten Lösungen aus den Erfahrungen des Klienten erschaffen werden.

Phase 3: Durch vorhergehende Erfahrungen weiß der Coach jetzt, dass er nichts weiß. Und trotzdem gibt es eine Grundlage auf die er aufbauen kann. Der Klient hat in sich alles was er braucht, um ein gesundes glückliches Leben zu führen. Schafft ein Coach, sich aus dem eigenen Denken über Lösungen zu verabschieden und dafür die Kraft zu aktivieren, die im Klienten selbst steckt, dann ist er auf dem genau richtigen Weg. Dieses Prinzip nennt man Utilisierung und sollte eine der Leitlinien eines Profis sein.

Meister der Utilisierung – Milton H. Erickson

Milton EricksonMilton Erickson gilt gemeinhin als Begründer der Hypnotherapie und hat durch seine unglaubliche Fähigkeit der genauen Beobachtung und Utilisierung eine ganze Generation von Therapeuten geprägt. Milton konnte wie kein anderer seiner Zeit die Qualitäten der Menschen sehen. Und zwar in einer Art, die uns manchmal einfach zu bewusst, ist um diese zu nutzen. So beginnt eine Trance, bei der es auch darum geht, Lernen als Qualität beim Klienten zu implementieren, mit folgenden Worten:

„Und erinnern Sie sich daran wie Sie in der Schule das Schreiben gelernt haben. Zuerst einzelne Linien und Kreise, dann Zeichen und diese werden zu Worten zusammengesetzt. Und die Zeichen in Schreibschrift und in Druckschrift und in kleinen Zeichen und in Großbuchstaben und dann noch die Ziffern – Sie lernten eine 1 zu schreiben und eine Sechs sah aus wie eine umgedrehte Neun und eine Neun wie eine umgedrehte Sechs und wo schauen die Füße bei einer Vier hin.“

Die Vier ist dann Verwirrungsinduktion, aber die Sätze vorher zeigen genau die Beobachtungsgabe, die Milton hatte und die er angewandt hat, um mit dem Klienten in einen Rapport zum Thema Lernen zu kommen. Diese Fähigkeit des Klienten, aus Linien Buchstaben und Wörter zu erschaffen wurde aktiviert und später in der Trance nochmals ausgelöst, als es um das eigentliche Thema ging. Milton war gerne indirekt und hat durch mehrstufige Kommunikation das Unbewusste des Klienten angeregt, auf bestimmte Dinge zu achten. Meist nutzte er dies dann und utilisierte die Qualitäten für eine Lösung, die aus dem Klienten entstand. Das ist definitiv auch ohne Hypnose eine Kunst, die Coaches heute beherrschen sollten.

Lawrence LeShan- Die Melodie des eigenen Lebens

Ein anderer Vertreter dieser Kunst der Utilisierung war der Psychologe und Krebsforscher LeShan, der auf seine wundersame Art, ganz besondere Erfolge erzielte. Er versuchte den Menschen als Ganzes zu sehen und die Qualitäten im Menschen zu einem Gesamtbild neu zu ordnen. Er nannte das „Die Melodie des eigenen Lebens finden“. Eine Geschichte ist mir dabei besonders bezeichnend.

Ein Puertoricaner – aufgewachsen im Bandenmilieu der Großstadt – kommt mit Diagnose einer schweren Krankheit in die Klinik und wird von LeShan psychologisch betreut. Sie reden viel über die Vergangenheit und die Art, wie der junge Mann dort im Milieu aufgewachsen ist. In einer Bande ging es immer um Leben und Tod – Nur durch den Zusammenhalt konnten Sie überleben. Und gemeinsam lebten Sie in Stress, Angst und Angriff. Viele seiner Kollegen starben, kamen ins Gefängnis oder wurden angepasst, so dass er am Ende fast alleine war. Das war der Moment in dem die Krankheit ausbrach. LeShan kam dann eines Tages zu ihm und riet ihm zu einem neuen Job. „Werde Feuerwehrmann!“, sagte er ihm. Und das tat dieser dann auch. Die Krankheit verschwand innerhalb weniger Monate.

Warum? Weil der junge Mann plötzlich wieder die gleichen Werte leben konnte, welche ihm auch mit seiner Gang so wichtig gewesen waren.  Gemeinschaft, aufeinander vertrauen und höchste Aktivität und Konzentration und Stress. Er konnte wieder leben, was ihm am wichtigsten war. Und damit seine Identität wahren. Und das veränderte sein Leben und seinen Körper.

[i] A. M. Leslie (2000): ‚Theory of Mind‘ as a mechanism of selective attention. In: M. S. Gazzangia (Hrsg.): The New Cognitive Neurosciences. The MIT Press, Cambridge, Massachusetts 2000, S. 1235–1247.