Utilisierung mit Storytelling

Prozesse, so wie diese später im Buch beschrieben werden, sind Strukturen der Veränderungen. Und Geschichten unterstützen diese Prozesse, transportieren und verpacken die Erfahrungen tief in das Gedächtnis des Klienten. Der Unterschied wird bei nachfolgender Lösung im Bereich Zeitmanagement deutlich. Es soll folgendes Prinzip erklärt werden: „Ein gutes Zeitmanagement braucht Disziplin und ein System in dem alle Aufgaben notiert werden.“ Folgende Geschichte, soll die Aussage verstärken:

Als ich als junger Mann zum ersten Mal an einer Bootstour auf dem Mittelmeer teilnahm, kamen wir mit unserem Boot in einen Sturm. Dieser brach so schnell über uns herein und war so laut, dass normale Unterhaltung kaum möglich war. Ich dachte zuerst, dass diese erste Segeltour jetzt meine letzte war. Doch hatte ich auch Vertrauen, denn unser Kapitän ist mit uns vorher die Schritte, die in einem solchen Fall zu tun sind, genauestens durchgegangen. Und er hatte sogar für uns junge Matrosen alle wichtigen Aspekte auf eine Tafel notiert.  So war dieser Sturm eine Erfahrung, die ich mein Leben nicht vergessen habe. Und die Tafel mit den Aufgaben habe ich immer noch vor meinem inneren Auge.

Diese Geschichte bildet Analogien, die helfen sich selbst klar zu machen, was wichtig ist.
Kapitän -> Verantwortung übernehmen und im Voraus planen
Sturm ->Analogie zu stressigen Zeiten im Arbeitstag
Tafel -> Aufgabenliste, die man im Blick haben sollte

Die Geschichte ist wohl nicht direkt für das Bewusstsein im Businesskontext übertragbar, doch das Unterbewusstsein wird nach dem Coaching nochmals beginnen, zu überlegen: Was wollte mir der Coach damit sagen. Und da die Bilder „eindrücklich“ sind, bleiben diese länger im Gedächtnis und werden assoziiert. Das ist eine wichtige Grundlage des Gehirns. Die Aufgabe ist, was täglich als bedeutungsvolle Informationen ankommt, zu integrieren.  Und hier sind wir schon wieder beim prozessorientierten Coaching. Was verleiht einem Prozess Bedeutung? Wie geht ein Coach vor, um Informationen hervorzuheben, ohne dass das Gegenüber dies als Auftrag empfindet?

Aus dem Aspekt des Storytellings gibt es zumindest zwei Aspekte:

  • Die erzählten Analogien beziehen sich auf Fähigkeiten des Klienten, die er bereits kann, aber in einem gewünschten Kontext nicht anwendet. Dies ist die reine Form der Utilisierung.
  • Die erzählten Analogien erzählen eindrückliche Bilder. Also Erfahrungen, die bestimmte Aspekte verstärken. Dies können sein:
    1. Emotionen jeglicher Art. Wir merken uns etwas besser, wenn es mit Emotionen verbunden ist. Positive sind in der Regel vorzuziehen, doch manche Menschen brauchen auch „weg von“ Emotionen, um sich in Bewegung zu setzen.
    2. Eigenschaften von Bildern oder Geräuschen die verstärkt sind. Also Ziele groß machen. Helle und strahlende Farben. Stürme laut und kreischend. Dolby Surround mit tiefen Bass. Bilder und Töne sollten wie im Kino vor dem inneren Auge ablaufen.
  • Die Intension des Coaches ist wichtig. Nicht nur das, was erzählt wird kommt an, sondern auch die Intention, die hinter der Geschichte liegt, wird verarbeitet werden. Dies funktioniert nur wenn der Coach sich auch ins rechte Licht rückt. Dies nennt man Triangulierung, und ist vor allem im Businesskontext wichtig, wenn man mit mehreren Klienten arbeitet. Z.B im Falle von Konfliktlösungen. Erst wenn der Coach in diesem Kontext eine Zeit lang den Fokus auf sich ziehen kann, hat er die Möglichkeit auch auf verschiedenen Ebenen zu führen und seine Intention mit einzubringen.

Geschichten erzählen ist nicht nur unterhaltsam, sondern dient auch der langfristigen Integration von Zielen und neuen Erfahrungen, damit der der Klient die Möglichkeit hat, das Erfahrene nachträglich über die Bilder wieder abzurufen. Coaching ist das Erarbeiten von Lösungen und die Geschichten bringen die Lösungen tief in den Kopf des Klienten.  Also sammeln Sie Geschichten. Beobachten Sie Ihr Leben mit den Augen eines Geschichtenerzählers. Und plötzlich wird sogar aus einem grauen Regentag eine farbenfrohe Welt voller Geschichten und Erfahrungen, die für Ihren Klienten hilfreich sind. Und die Fähigkeit des Coaches aus seiner Kiste von Geschichten und Metaphern diejenige herauszusuchen, welche mit den Möglichkeiten des Klienten in Resonanz geht, ist eine Qualität der Meister. Und auch das ist auch Utilisierung. Zu nutzen, was der Klient kann und ihm bewusst oder unbewusst verfügbar zu machen.

Ich selbst habe auch immer wieder kraftvolle Bilder und Geschichten im Kopf, die mich auf meinen Reisen beeindruckt und verändert haben. Das intensivste Bild stammt aus einer Zeit Anfang der Neunziger, in der ich mich in Süd-Indien befand. Dort hat mich ein „heiliger Geschichtenerzähler“ beeindruckt, der uns Reisenden sieben Nächte lang die Geschichte eines Königs erzählt hat. Dieser König wurde mit einem teuflischen Fluch vergiftet und hatte nur noch 7 Tage zu leben. Wir erlebten die Geschichte dieses Königs Abend für Abend unter dem indischen warmen Sternenhimmel mit. Dabei saßen wir erhöht über einem Seeufer, an dem die Krokodile sich auch aufhielten. Wir hörten sie im Wasser und sahen die Augen leuchten und waren uns der Gefahr bewusst, die von Ihnen in der Stille ausging. Doch gleichzeitig lauschten wir den Geschichten des Königs, der sich auf die Suche nach der Essenz im Leben machte und der immer mehr feststellte, dass der Augenblick das ist, was es zu leben gilt. Und so lernten wir das auch und es war als ob die Krokodile uns ständig daran erinnerten, dass auch wir sterblich waren. Diese Verbindung brachte mich dem Leben näher als alles andere was ich jemals getan habe und gleichzeitig ist mir die Lehre des Königs, der nur 7 Tage zu leben hatte, tief eingeprägt. Die Geschichte erzählte auch von der Regelmäßigkeit der Meditation. Seitdem hat meine tägliche Meditationspraxis einen festen Platz in meinem Leben gefunden.

Wenn Sie jetzt darüber nachdenken, welche kraftvolle Geschichte in Ihrem Leben prägend war, dann könnte das schon ein Teil Ihres Repertoires sein. Doch jetzt wieder zurück zu den eigentlichen Zielen der Utilisierung. Wir hatten zum einen den versteckten Transport der Informationen auf mehreren Ebenen und zum anderen natürlich das Öffnen der stärksten Ressourcen des Klienten. Doch wozu tut man das als Coach? Und da kann es nur eine einzige Antwort geben: Kompetenzerweiterung.