Selbstregulationsmechanismen

Um das noch ein wenig besser zu verstehen, braucht es jetzt schon mal den Begriff System und ein wenig Systemtheorie: Ein System ist ein aus Einzelaspekten verbundenes Ganzes. Der Körper ist zum Beispiel ein System, die Familie oder auch ein Unternehmen oder ein Team. Und für dieses gibt es die beiden folgenden Aussagen:

Das System strebt nach Entwicklung
Das System sorgt für den Eigenerhalt

Alleine diese beiden Prämissen bedeuten oft eine Art inneres Gleichgewicht, welches auch eine Art Starre erschaffen kann. Der Klient kann sich nicht weiterentwickeln, weil er dadurch die Sicherheit seines Lebens beeinträchtigen könnte. Also ein Dilemma. In der Regel sind Menschen und Systeme in einer Art Homöostase mit einem Regulationsbereich. Also einem Gleichgewicht, welches gewisse Puffergrenzen kennt. Denken Sie an den Heizungsthermostat! Wenn noch äußere Einflüsse hinzukommen, dann reguliert sich dieses Gleichgewicht in der Regel selbst wieder ein. Wenn es das System noch schafft, sich an einem neuen Punkt zu stabilisieren, der die neuen Begebenheiten mitberücksichtigt, dann ist das nach heutiger Sicht nicht nur ein System, das die Homöostase, sondern auch die Fähigkeit zur Allostase[i] besitzt – Das Erreichen von Stabilität durch Änderung. So erkennt man heute ein Herz vor einem Herzinfarkt unter anderem auch an dem Aspekt der Variabilität der Herzfrequenz. Ein Herz, das nicht mehr durch Frequenzveränderung auf äußere Bedingungen reagieren kann, sondern immer nur im annähernd gleichen Takt schlägt, ist gefährdet.

Ein Mensch, der sich nicht mehr an wechselnde Bedingungen anpassen will oder kann, wird Nachteile oder Verluste hinnehmen müssen. Und das obwohl die Maxime der Erhaltung des Systems dagegenspricht. Doch solange die Selbstregulation funktioniert, können Sie bei der Arbeit mit Ihrem Klienten darauf vertrauen, dass sich ein Verhalten so am Ziel einordnet, dass es in den Grenzen des regulierbaren Systems ist. Kennt man diese Prämissen, dann weiß man auch, dass manchmal zuerst an der verfestigten Regel 2 – Das sichere System – gearbeitet werden sollte.  Bearbeiten Sie die Frage, welche Aspekte die Flexibilität verhindern und erschaffen Sie dadurch eine neue Allostase.

Leben ist Veränderung
und wir tragen alles was dazu notwendig ist bereits in uns!

 

Fazit

Vertrauen Sie darauf, dass Ihr Klient schon einen Teil der Lösung in sich trägt. Der Weg das zu erwecken nennt sich Utilisierung und ist wohl eine der kreativsten Vorgehensweisen, die einen Coach herausfordern können. Entdecken, Lösungen in Geschichten packen und zu beobachten, wie sich eine Änderung unwillkürlich beim Klienten ergibt.

Das System strebt nach dem perfekten Gleichgewicht. Doch der Balken auf dem das ganze ruht ist unser Gehirn und das ist verformbar. Und nicht Stabilität ist bei gesunden Menschen das Ziel, sondern Flexibilität und Anpassungsfähigkeiten.

[i] P. Sterling: Allostasis: a model of predictive regulation. In: Physiol Behav. 106, 2012, S. 5–15. doi:10.1016/j.physbeh.2011.06.004